SÜDAMERIKA III - DER WEG ZU DEN 14 FARBEN

Die Tage nach dem Schneesturm und meinem "Beinahe-Tod-Erlebnis" verbrachte ich in einem noblen Hotel in San Pedro de Atacama. Ich genoss feines Essen und war einfach nur dankbar, dass ich das ganze heil überstanden hatte. Noch einmal würde mir das nicht passieren, dass ich die Höhe und das Wetter einfach so unterschätze. Jeden Abend fuhr ich mit meinem Nissan Patrol ins Valle de la Luna und Valle de la Muerte und erfreute mich an der angenehmen Wärme. Doch schon dort stellte ich fest, dass mein Wagen nicht mehr so lief, wie am Anfang. 

Es klang zum einen so, als wären die Radlager vorne langsam am Ende und zudem roch es extrem stark nach Benzin im Innern des Fahrzeugs. Wenn ich bei der Fahrt die Scheiben öffnete, roch es noch viel strenger - so stark, dass es mir übel und schwindlig wurde. Also ging ich einmal mehr zu einem Mechaniker, der daraufhin meinen Luftfilter reinigte und meinte es liege daran. Selbstverständlich war das nicht das Problem - aber auf 4000-5500 MüM tut es gut zu wissen, dass mein Auto wieder gut atmen konnte ;-) 

Im Hotel erfuhr ich dann, dass in jenen Tagen, in denen ich mit meinem Auto auf dem Paso Sico eingeschneit wurde, auf dem Paso de Jama direkt daneben 2 Menschen ums Leben gekommen seien. Ihr Auto war im Schneesturm von der Strasse abgekommen und sie konnten es nicht mehr befreien. Einen Tag später waren sie erfroren. Diese News hatten mich schwer getroffen, hätte es doch auch mir so ergehen können.

Die Reise geht weiter
Den letzten Abend vor meiner Weiterreise nach Argentinien verbrachte ich auf einer Sanddüne im Valle de la Luna und wurde einmal mehr zusammengeschissen, weil das Betreten dieser einen Düne zuhinterst im Tal, ganz ohne Zugang, so wie fast alles hier offensichtlich verboten war. Meine Recherchen besagten, dass man hier wandern dürfe - offensichtlich ändern sich diese Regel in Südamerika jedoch von Tag zu Tag. 

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Noch am selben Abend fuhr ich los auf den Paso de Jama, wo nur 6 Tage zuvor die zwei Autofahrer verstorben waren. So schnell wie der Schnee kam, war er auch wieder verschwunden, denn wenn die Sonne einmal scheint, dann richtig. So können hier Tagestemperaturen von 25 Grad vorkommen, während das Thermometer in der Nacht auf -20 Grad fällt. Der Sonnenaufgang bei den kleinen Lagunen am Paso de Jama war einmal mehr wunderbar, jedoch so kalt, dass ich richtiggehend schlotterte. In der Nacht sanken die Temperaturen auf -16 Grad und eine fiese, starke Biese sorgte für ordentlich Chill-Factor. 

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Während ich so am Fotografieren war, sah ich plötzlich einige hundert Meter entfernt einen kleinen Wollkneuel rumliegen. Als ich näher kam, starrten mich zwei glänzende Augen an und ich machte fast einen Sprung vor lauter Freude. Ein junger ANDENFUCHS. Sofort lief ich zurück zum Auto und schnallte mein 400mm F2.8 auf meine Kamera - dazu noch der 1.4x Konverter und so nahe wie möglich ran an den süssen Fuchs. 

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Leider waren die Wolken des Sonnenaufgangs die letzten, die ich für eine lange Zeit sehen würde. Von nun an hiess es "Blaue Decke". Den ganzen Tag über fuhr ich auf 4300 bis 4550 Metern Höhe umher, auf der Suche nach schönen Sujets und einem Plätzchen für die Nacht. Fündig wurde ich dann auf einer weiten Ebene aus denen diese so genannten "Fingers" emporschiessen. Zum Einen ergeben diese bis zu 20 Meter hohen Felsnadeln schöne Fotosujets ab und zum Anderen eignen sie sich als Windschatten für die Nacht. Halb beduselt vom ständigen Benzingeruch im Auto stellte ich also mein Auto in den Windschatten eines dieser Finger und versank im dicken Schlafsack. 

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Frühmorgens um 05.00 Uhr erwachte ich vom Bimmeln meines Weckers. Heute hiess es - Grenzübertritt von Chile nach Argentinien. Da ich so früh am Morgen schon am Zoll stand, war ich nach nur 2.5 Stunden durch. Alles wurde kontrolliert, sogar den Ersatztank auf dem Dach hatten die Zöllner überprüft und 2 Spürhunde durchsuchten meine Koffer. Die Südamerikaner lieben und leben den bürokratischen Wahnsinn. Dutzende Blätter und Stempel von allen möglichen Büros sind jeweils nötig, bis man endlich einmal aus- und einreisen darf.  

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Ich hatte heute einen weiten Weg vor mir. Mein Tagesziel waren die wunderschönen Salzwassertümpel bei Tolar Grande (Ojo de Mar) - eine Strecke von 520 Kilometern und rund 12 Stunden und 30 Minuten Fahrzeit über meist sehr schlechte Wellblechstrassen. Gegen Abend kam ich dann bei den einzigartigen Sandsteinformationen der Desierto del Diablo an. Während den letzten Stunden hatte ich kein anderes Auto gesehen und mein Patrol sprang jedes zweite mal nur mit sehr veil Mühe an. Diese ewigen Probleme mit dem Auto versetzten mich zusehends in eine Art Rastlosigkeit. Ich hatte jedes mal Angst, anzuhalten und den Motor auszuschalten. Vor allem auf dieser Höhe und an einem Ort, an dem mal unter Umständen Tagelang stehen würde, bis Hilfe kommt. 

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Die Berge der Teufelswüste kompensierten die Fahrzeugprobleme jedoch zum grossen Teil und so fuhr ich durch das Sandsteingebirge zu den Ojo de Mar. Dort angekommen war ich einfach nur fasziniert von der Schönheit dieser 3 Salzwassertümpel. Auf den Fotos lädt alles zum Baden ein; in der Realität jedoch nicht. Die Temperaturen nahe beim Gefrierpunkt und die Tatsache, dass man mit seinen Füssen diese einzigartigen Salzkristalle zerstören würde, hindern einen daran. 

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Ich hatte mich so lange auf diese Ojo de Mar gefreut und ganze zwei Tage An- und Rückfahrt waren nötig um dort hinzugelangen und nun stand ich da, über mir tiefblauer Himmel und keinerlei Wölkchen. Auch am nächsten Tag war das Wetter wieder wie aus dem Bilderbuch und so schoss ich meine untypischen Pflichtbilder und fuhr zurück zur Teufelswüste. Auf dem Bild unten erkennt man sehr gut die Strasse am linken Bildrand, welche sich am Gebirge vorbeischlängelt. Zudem erkennt man, dass hier noch Schnee liegt. Wüste und Schnee - eine ziemlich unpassende Konstellation wie man denkt. Doch auch in der Wüste Gobi in der Mongolei ist Schnee keine Seltenheit. Dieses Bild entstand mit der DJI Phantom 4 Pro - zusammengesetzt aus 18 Luftaufnahmen. 

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Der Cerro de 14 Colores - Der Berg der 14 Farben
Das eigentliche Ziel meines Abstechers nach Argentinien lag jedoch noch vor mir. Auf dem Satellitenbild konnte ich bei den Vorbereitungen meiner Reise klar erkennen, dass die Berge in den Argentinischen Anden teilweise extrem viele Farbtöne aufweisen. Am buntesten war das Satellitenbild um die Ortschaft Humahuaca herum. Einziger Haken - 721 Kilometer und rund 16 Stunden reine Fahrtzeit trennten mich von diesem Ort. Einmal mehr wurde mir bewusst, wie sehr ich die Distanzen unterschätzt hatte. Nach 2 Tagen Fahrt kam ich dann endlich in Humahuaca an und genoss zum ersten mal seit 5 Tagen einen stabilen Mobilempfang. Sogar mit 4G. 

Nach meinen getätigten Anrufen führe mich eine Kiesstrasse langsam aber stetig den Berg hinauf und offenbarte ein wunderschönes Panorama.

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Wie gewohnt streikte meine Rochel mal wieder und so musste ich bis ganz oben 2x den Motor für 30min Ausschalten (Überhitzung) und das obschon genügend Kühlmittel im Kreislauf war. Dazu kam noch, dass ich aufgrund der extremen Benzingase ständig mit geschlossenen Fenstern fahren musste; und das bei 28 Grad und ohne funktionierende Klimaanlage. Langsam aber sicher hatte ich die Schnauze voll von diesen ständigen Autoproblemen. 

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Nach 2 vollen Tagen Fahrt stand ich nun endlich da - beim Aussichtspunkt auf die 14-Colores. Und ich war mehr als begeistert... Einziger Haken - Die unfreundliche junge Dame am Eingang zu den 14-Colores wies mich darauf hin, dass der Park heute 3 Stunden vor Sonnenuntergang, wenn die schönsten Farben kommen, schliesse würde. Auf meinen Hinweis, dass im Internet etwas anderes stehe und warum dies so sei, antwortete sie ganz einfach "weil es so ist". Ich war also 2 Tage lang hier hingefahren, um ein Gebirge zu fotografieren, welches offiziell bis nach Sonnenuntergang zugänglich war und sollte dies nun abschreiben, nur weil ein Teenager keine Lust hatte, zu arbeiten? Klar doch ;-) Ich fuhr also zum Aussichtspunkt und schoss die ersten Bilder unter dem üblichen blauen Himmel. 

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Von der Aussichtsplattform aus sah ich, dass am rechten Berghang eine schmale Strasse über einen Hügel ins Tal hinunter führte, und der Weg aufgrund von vielen Hügeln an vielen Orten nicht sichtbar war. Zurück beim Auto aktivierte ich den 4x4 und fuhr diesen kleinen Pfad zum Berg hoch und dahinter wieder runter bis mein Auto nicht mehr sichtbar war. Hier würde ich also übernachten können. 

Kaum eine halbe Stunde später röhrte es hinter mir und ein alter Pickup mit Wohnkabine und argentinischer Kennung düste an mir vorbei. Einige hundert Meter weiter unten bemerkte der Fahrer dann, dass der Pfad immer schlechter wurde und wendete seinen Wagen. Den Weg nach oben schaffte das Auto jedoch nicht mehr und so machte ich Bekanntschaft mit einem jungen Pärchen aus der nebenan liegenden Stadt Humahuaca. Als würde ihm das ständig passieren, kam er schon mit einer Art Abschleppseil und Grinsen im Gesicht auf mich zu und bat mich höflich, sein Auto bitte nach oben zu ziehen. Ich als Offroad-Fan war natürlich sofort im Element, meinte aber dass das Seil nicht halten würde, da es mehr eine Schnur als ein Seil war. Zwei Jahre zuvor hatte ich mir an der Abenteuer Allrad Messe in BadKissingen ein kinetisches Abschleppseil für 300 Euro gekauft, welches 8x dicker war als seine starre Schnur. :-) Nun ja - probieren geht über studieren.

Nach 3 Anläufen mit 3 Seilrissen kamen wir dann oben an. Als Gegenleistung wollte ich einfach nur wissen, wie strikte hier Kontrollen gemachen würden wegen Wild-Camping. Die Antwort war klar - Interessiert keine Sau - das würden alle machen. Und effektiv - mit zunehmender Stunde trudelten immer mehr kleine Camper ein, allesamt Pickups und ein VW-Bus, die sich für die Nacht richteten. Schlussendlich waren wir 8 Fahrzeug und ich der einzige Ausländer. 

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Nach einem weiteren Gemüseteller aus dem Dampfkochtopf war ich dann gestärkt für den Sonnenuntergang, der noch schöner war als ich mir erträumt hatte. 

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Die Temperaturen in der Nacht wurde mit -5 Grad die wärmste, die ich auf dieser Reise auf über 4000MüM erleben durfte. 

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Zu meiner Freude bescherte mir Argentinien am nächsten Morgen auch noch ein paar Wolken, welche den Sonnenaufgang gleich viel "fotografentauglicher" machten. Wieder ein Ziel, welches ich von meiner Bucketlist streichen konnte. 

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Mit dem letzten Milliliter im Benzin unterwegs
Der Weg zurück nach Chile war weit - fast 500km über zwei Pässe lagen vor mir. Für die Strecke hatte ich mir wiederum 2 Tage eingeplant. Wer nun einmal einige Bilder zurückschaut, bemerkt, dass oben an meinem Auto, direkt über der Frontscheibe ein 120 Liter Ersatztank festgeschraubt war. Dieser Tank brachte mich rund 400 Kilometer weit und war seit Anbeginn der Reise immer gefüllt für den Notfall. Der Tank liess sich über einen externen Schlauch mit dem Haupttank verbinden und ich konnte ihn in den vergangenen Wochen schon einige Male nutzen. Ohne diesen Ersatztank wäre ich wohl kaum über die chilenischen Anden gekommen und er würde in Bolivien zwingend notwendig sein, um die Lagunenroute fahren zu können. 
Wie das in Südamerika manchmal vorkommen kann, führte die Tankstelle kurz vor der chilenischen Grenze auf der Paso de Jama, die einzige Tankmöglichkeit vor San Pedro de Atacama, kein Benzin mehr und mein Haupttank hatte nur noch rund 20% Inhalt. Da ich noch 120 Liter auf dem Dach hatte, stellten die bevorstehenden 150 Kilometer bis San Pedro de Atacama ja kein Problem dar und ich fuhr weiter. Dann als die Tankanzeige langsam gegen Rot ging, hielt ich an und setzte den Schlauch an den Treibstoffauslass des Dachtanks an. Und dann, beim Aufschrauben des Dachtanks machte es kurz KNACKS und die Schraube drehte durch. Beim Öffnen des Schraubengehäuses war mir dann auch klar warum. Das Gewinde war AUSEINANDERGEBROCHEN. Ansaugen ging auch nicht, da der Schlauch über einen starken Treibstofffilter verfügte und zu wenig Druck aufbauen konnte, um der Schwerkraft den Rest zu überlassen. Filter ausbauen war auch nicht möglich, da der Schlauch dann nicht mehr reichte. Also kurz Durchschnaufen - und Bestandesaufnahme. 80km lagen noch vor mir - 70km zur Tankstelle ohne Benzin hinter mir. Ich auf aktuell 4280 MüM und mein Tank stand bereits auf dem roten Strich. Ich wartete 2 Stunden am Strassenrand und probierte, die alle 15min vorbeikommenden Lastwagen anzuhalten, bevor ich realisierte, dass mir Diesel wohl nicht viel nützen würde :-) Also entschied ich mich, das Risiko auf mich zu nehmen und einfach so weiter zu fahren, bis der Motor ausschalten würde.

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Die kommenden 55 Minuten waren der Horror für mich - die Tankanzeige kroch immer mehr nach Links und weit unter den roten Strich. Bei jedem noch so kleinen Anstieg pochte mein Herz wie verrückt und ich rechnete damit, dass der Motor jeden Moment den Geist aufgibt. Dann war die Passhöhe erreicht und es ging nur noch runter nach San Pedro de Atacama. 5Km vor San Pedro an einer steilen Passage, stellte plötzlich der Motor ab und ich rollte die lange Gerade herunter bis die Strasse, welche die letzten 2Km flach nach San Pedro führte. Ich hatte einmal gehört, dass bei den meisten Autos die Treibstoffansaugung im Tank so stand, dass ich bei flacher oder nach oben führender Fahrt noch Zugang zum letzten Bischen Benzin habe, also probierte ich den Motor erneut zu starten und nach einigen Sekunden sprang der Motor an. Mit zwei kurzen Aussetzern rollte ich sozusagen mit den letzten Millilitern Benzin vor die Tankstelle. Was für ein Freudentag. Mir wurde gesagt, dass das Auto einen Tankinhalt von 80 Litern hätte, effektiv füllen konnte ich heute jedoch 85 Liter. Zum Glück gibts Reserven ;-) 

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Da sich in San Pedro niemand finden konnte, der mir das Gewinde reparieren konnte, kaufte ich mir drei 30 Liter Kanister, welche mich die noch übrig bleibenden 10 Tage über die Lagunenroute bringen sollten. Zu beachten ist auch mein Treibstofftrichter, den ich zuvor in der Spielwarenabteilung eines Supermakts gekauft hatte. Ein "Strassenwarntöckel" mit abgeschnittenem Kopf. :-) 

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Michael Bissig